Hessen
Skip to Content

Interventionsmaßnahmen der Deutschen Bahn AG bei posttraumatischem Streßsyndrom

Autor: Ferdinand Gröben

Übersicht

Die Deutsche Bahn AG beschäftigt rund 32 000 Lokführer, das ist etwa ein Siebtel der gesamten Mitarbeiter. Darüber hinaus sind auch noch andere Mitarbeitergruppen häufiger belastenden betrieblichen Situationen ausgesetzt, z.B. Zugbegleiter oder Notfallmanager. Es passieren ca. 3 Suizide bzw. Unfälle mit Personenschaden pro Tag. Im Schnitt muss ein Lokführer mit 2 Unfällen bzw. Suiziden im Laufe seines Berufslebens rechnen. Es liegt jedoch - teils zufallsbedingt, teils durch systematische Faktoren (besonders betroffene Strecken, z.B. nahe bei psychiatrischen Kliniken) — keine gleichmäßige Verteilung vor, das bedeutet, dass einige Lokführer gar nicht und andere extrem schwer betroffen sind.

Mitarbeiter von Verkehrsunternehmen sind einem berufsspezifischen Risiko der Traumatisierung ausgesetzt. Triebfahrzeugführer und Busfahrer werden in Unfälle verwickelt, die in der Regel schwer sind und bei denen Menschen getötet oder erheblich verletzt werden. Zugbegleitpersonal und Busfahrer sind häufig das Ziel gewalttätiger Übergriffe. Die häufigsten Beschwerden sind Schuldgefühle und damit verbundenes Grübeln, sich aufdrängendes Wiedererleben (Intrusionen) und Ängste vor dem Wiedereinsatz (Tendenz zu Vermeidungsverhalten). Bis 1994 fand auf Wunsch individuelle Betreuung statt, seit 1994 gibt es für diese Personengruppen ein Betreuungsprogramm, das eine umfassende Betreuung sicherstellen soll. Dieses Programm umfasst Schulungen der potentiell Betroffenen während der Ausbildung und der Laienhelfer aus ihrem unmittelbaren Arbeitsumfeld. Betreuung erfolgt in Form von entlastenden Gesprächen und kann auch die Vermittlung von geeigneten Therapeuten oder die Begleitung beim Wiedereinsatz umfassen. Unter der Leitung des Servicebereichs Psychologie finden regelmäßige Besprechungen der beteiligten Gesellschaften zum Thema statt; derzeit wird die Betreuung evaluiert und es werden neue Modelle in einem Pilotprojekt erprobt. Explorativ erhobene Daten weisen darauf hin, daß bei schneller und umfassender Betreuung die Arbeitszufriedenheit erheblich gesteigert und die Fehlzeiten erheblich verringert werden.

Es gibt den Psychologischen Dienst bei der Bahn seit 1917. Seit dieser Zeit finden bei der Bahn Eignungsuntersuchungen statt, vor allem für Tätigkeiten die erhöhte Anforderungen an die Leistungsfähigkeit stellen, z.B. sicherheitsrelevante Tätigkeiten im Betriebsdienst.

Schon vor den neunziger Jahren hat es vereinzelt Betreuungsgespräche mit belasteten Mitarbeitern gegeben, allerdings nicht im Rahmen eines umfassenden Betreuungsprogramms. Ansätze des Psychologischen Dienstes, ein Betreuungsprogramm einzuführen, stießen noch Ende der achtziger Jahre auf keine Resonanz. Im Jahr 1994 änderte sich dies und die Betroffenen forderten für sich ein Betreuungsprogramm, das auch noch m selben Jahr eingeführt wurde. Dargestellt wird hier der heutige Stand.

  • Die Deutsche Bahn AG beschäftigt rund 32 000 Lokführer, das ist etwa ein Siebtel der gesamten Mitarbeiter. Darüber hinaus sind auch noch andere Mitarbeitergruppen häufiger belastenden betrieblichen Situationen ausgesetzt, z.B. Zugbegleiter oder Notfallmanager.
  • Es passieren ca. 3 Suizide bzw. Unfälle mit Personenschaden pro Tag.
  • Im Schnitt muss ein Lokführer mit 2 Unfällen bzw. Suiziden im Laufe seines Berufslebens rechnen.
  • Es liegt jedoch - teils zufallsbedingt, teils durch systematische Faktoren (besonders betroffene Strecken, z.B. nahe bei psychiatrischen Kliniken) — keine gleichmäßige Verteilung vor, das bedeutet, dass einige Lokführer gar nicht und andere extrem schwer betroffen sind.
  • Beispiel: Ein Lokführer bittet um Betreuung, er hat über 20 Unfälle an Bahnübergängen erlebt. Erst der letzte hat ihm Angst gemacht, da er bei dem Zusammenstoß selbst hätte verletzt werden können.
  • Die Lokführer haben wenig Einflussmöglichkeiten bei den im Vergleich zum Pkw extrem langen Bremswegen, dies bedeutet oft eine erhebliche Zusatzbelastung durch die erlebte Hilflosigkeit.
  • Problem: Oft sieht der Lokführer Selbstmörder von weitem und weiß schon, dass der Bremsweg nicht mehr ausreicht. Besonders tragisch: Unfälle mit spielenden Kindern, die die Gefahr nicht erkennen
  • Unfälle enden fast immer tödlich, aber auch, wenn das Unfallopfer überlebt, können extreme Belastungen entstehen (Schmerzensschreie, die Person ist im Fahrgestell verkeilt, hat schwere Verletzungen und kann nur durch Hochheben der Lok geborgen werden, Umstehende machen dem Lokführer Vorwürfe wegen vermeintlicher Untätigkeit.)
  • Betreuung wird mittlerweile erwartet, sonst entsteht oft erhebliche Unzufriedenheit.
  • Auch bei privaten Problemen (z.B. Trennung vom Partner) wird oft um Betreuung gebeten.
  • Häufig liegt Mehrfachbelastung vor, wenn die Betreuung aufgesucht wird, die Betroffenen fühlen sich massiv überfordert.
  • Beispiel: Todesfall in der Familie und tödlicher Unfall im Gleis gleichzeitig.
  • Schulung während der Ausbildung ("Stressimpfung"): In einer zweitägigen Schulung während der Ausbildung werden die zukünftigen Lokführer über mögliche Stresssituationen, Bewältigungsmöglichkeiten und Hilfsangebote informiert.
  • Information für bereits ausgebildete Lokführer: Für bereits ausgebildete Lokführer gab es eine Informationsveranstaltung im Rahmen ihres Fortbildungsunterrichts.
  • Schulung von Notfallmanagern: Diese haben die Aufgabe, die Unfallstelle zu sichern, die Beseitigung der Unfallfolgen und das Wiederanlaufen des Betriebs zu koordinieren. Als Vertreter der Bahn vor Ort sollen sie sich auch um die Belange des Lokführers kümmern.
  • Schulung von Mitarbeitern der Lokleitungen: Diese Mitarbeiter wurden in einigen Regionen geschult, um über Funk Erstbetreuung zu leisten, solange der betroffene Lokführer allein vor Ort ist.
  • Schulung von Lehrlokführern: Diese Mitarbeiter stehen (wie auch die Vertrauensleute) für eine Begleitung beim Wiedereinsatz zur Verfügung.
  • Training von Vertrauensleuten und Vorgesetzten: Die Position des Vertrauensmanns wurde anlässlich der Einführung des Betreuungsprogramms ins Leben gerufen, um den Lokführern ein niedrig schwelliges Angebot machen zu können. Die Vertrauensleute kommen aus dem Umfeld der Lokführer (oft freigestellte Betriebsräte), was die Kontaktaufnahme erleichtert. Auch Vorgesetzte wurden in Gesprächsführung geschult. In diesen Schulungen wird vor allem in Rollenspielen mit Videofeedback die konkrete Gesprächsführung geübt.
  • Moderierter Erfahrungsaustausch mit Vertrauensleuten und Verantwortlichen der Geschäftsbereiche: Auf Wunsch werden die Vertrauensleute von den Psychologen supervidiert, außerdem werden in größeren zeitlichen Abständen die Erfahrungen in der Betreuung ausgetauscht und Verbesserungsmöglichkeiten besprochen. In den nächsten Tagen findet eine solche Besprechung mit verantwortlichen Vertretern der drei Geschäftsbereiche statt, die Lokführer beschäftigen.
  • Stress-Broschüre für Lokführer: Jeder Lokführer hat eine Broschüre, die vielfältige Informationen zur Stressbewältigung allgemein und zum Umgang mit belastenden Situationen erhält.
  • Der Film "Der Schock kommt später". Dieser Film wurde von den niederländischen Eisenbahnen eingekauft und wird in den verschiedensten Veranstaltungen gezeigt. Z. B. bei Führungskräften, um sie für die Problematik zu sensibilisieren.
  • Betreuung im Ernstfall: Erfolgt durch die verschiedenen obengenannten Personengruppen und den Psychologischen Dienst.
  • Erfahrungsaustausch: 1995 wurde vom Psychologischen Dienst der Deutschen Bahn AG zu einem internationalen Erfahrungsaustausch unter Kollegen eingeladen. Es erschienen Bahnpsychologen aus Belgien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Osterreich, der Schweiz, Rumänien, Tschechien, Ungarn, um den Stand der derzeitigen Betreuungsangebote und zukünftige Entwicklungen zu diskutieren.

vorher

  • durch Schulung während der Ausbildung

vor Ort

  • am Unfallort durch Notfallmanager, Vertrauensleute oder Dritte
  • über Funk durch Mitarbeiter der Lokleitung

danach

  • durch Vertrauensleute und / oder Vorgesetzte
  • auf Wunsch durch den regionalen Psychologen
  • gegebenenfalls durch externe Therapeuten bzw. Kliniken

beim Wiedereinsatz

  • auf Wunsch Begleitung durch Lehrlokführer oder Vertrauensleute

Das Programm wurde im Laufe der Jahre ständig optimiert und als festes Programm in die Ablauforganisation des Konzerns intergriert. Mittlerweile gibt es auch eigenständige Programme für andere Mitarbeitergruppen, wie Fahrdienstleiter und Zugbegleiter, die wieder durch andere auslösende Situationen belastet sind (z.B. Gewalt im Zug) oder Beschäftigte, die Opfer schwerer Arbeitsunfälle wurden.

Das Konzept wurde inzwischen als "best practise" auch von anderen Unternehmen übenommen.

© Copyright 2018 - Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Back to top